Seit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, kurz BFSG, fragen sich viele Webseitenbetreiber: Was muss ich jetzt eigentlich konkret prüfen?
Genau hier wird es oft unübersichtlich. Die einen sagen, jede Website müsse sofort komplett barrierefrei sein. Andere winken ab und meinen, es betreffe nur große Online-Shops. Beides ist zu einfach gedacht.
Die Wahrheit liegt wie so oft dazwischen. Nicht jede Website fällt automatisch unter das BFSG. Aber wenn über eine Website Verbraucher digitale Angebote nutzen, buchen, kaufen oder Verträge abschließen können, sollte man sehr genau hinschauen.
Diese Checkliste hilft dir dabei, deine Website Schritt für Schritt zu prüfen.
1. Fällt deine Website überhaupt unter das BFSG?
Bevor du Farben, Buttons und Formulare prüfst, solltest du zuerst klären, ob deine Website überhaupt in den Anwendungsbereich fallen kann.
Frage dich:
Bietest du Produkte oder Dienstleistungen für Verbraucher an?
Können Besucher online etwas kaufen, buchen oder abschließen?
Gibt es einen Warenkorb, Checkout oder Zahlungsprozess?
Gibt es digitale Kurse, Downloads, Mitgliedschaften oder Kundenkonten?
Bietest du Termine, Tickets, Beratungen oder Verträge online an?
Richtet sich dein Angebot an Privatkunden oder ausschließlich an Geschäftskunden?
Eine reine Informationsseite ist anders zu bewerten als ein Online-Shop oder eine Buchungsplattform. Entscheidend ist nicht, ob deine Website schön oder modern ist. Entscheidend ist, was Nutzer dort tatsächlich tun können.
2. B2B, B2C oder gemischt?
Viele Webseitenbetreiber sagen: „Wir arbeiten nur mit Unternehmen.“ Das kann stimmen. Aber es sollte auf der Website auch klar erkennbar sein.
Prüfe deshalb:
Spricht die Website eindeutig Geschäftskunden an?
Können Privatpersonen trotzdem bestellen oder buchen?
Sind Preise und Kaufprozesse öffentlich zugänglich?
Gibt es Hinweise wie „nur für Gewerbekunden“?
Wird die gewerbliche Kundeneigenschaft geprüft?
Wenn dein Angebot wirklich rein B2B ist, kann die BFSG-Einordnung anders ausfallen. Wenn Verbraucher aber praktisch mit angesprochen werden, solltest du vorsichtiger sein.
3. Greift vielleicht eine Ausnahme?
Für Kleinstunternehmen kann es im Dienstleistungsbereich Ausnahmen geben. Das betrifft vor allem sehr kleine Unternehmen mit wenigen Beschäftigten und begrenztem Umsatz oder begrenzter Bilanzsumme.
Trotzdem sollte man nicht vorschnell sagen: „Wir sind klein, also ist alles egal.“
Prüfe:
Wie viele Personen beschäftigt dein Unternehmen?
Wie hoch ist der Jahresumsatz?
Wie hoch ist die Jahresbilanzsumme?
Bietest du Dienstleistungen an oder bringst du auch Produkte in Verkehr?
Bist du Teil einer größeren Unternehmensstruktur?
Gerade bei Produkten, Eigenmarken, Importen oder verbundenen Unternehmen kann die Einordnung komplizierter werden.
4. Ist die Navigation klar und logisch?
Eine barriereärmere Website beginnt nicht beim Plugin, sondern bei der Struktur.
Besucher sollten schnell verstehen:
Wo bin ich?
Was kann ich hier tun?
Wie komme ich zurück?
Wo finde ich Kontakt, Warenkorb, Login oder Buchung?
Prüfe deine Navigation:
Ist das Menü verständlich?
Sind Menüpunkte klar benannt?
Funktioniert das Menü auf dem Smartphone?
Gibt es keine unnötig verschachtelten Untermenüs?
Sind wichtige Seiten leicht erreichbar?
Kann man die Navigation mit der Tastatur bedienen?
Ein schönes Menü bringt wenig, wenn Nutzer darin hängenbleiben.
5. Funktioniert deine Website ohne Maus?
Das ist einer der einfachsten und besten Tests.
Lege die Maus zur Seite und versuche, deine Website nur mit der Tastatur zu bedienen. Nutze die Tab-Taste, Enter, Escape und die Pfeiltasten.
Teste dabei:
Kommst du durchs Menü?
Sind Buttons erreichbar?
Siehst du immer, welches Element gerade aktiv ist?
Kannst du Formulare ausfüllen?
Kannst du Popups schließen?
Kannst du Warenkorb und Checkout nutzen?
Kannst du eine Buchung abschließen?
Wenn du selbst nicht erkennst, wo du gerade bist, haben andere Nutzer erst recht ein Problem.
6. Sind Buttons und Links verständlich?
Viele Websites haben Buttons wie „Mehr“, „Weiter“, „Hier klicken“ oder „Jetzt starten“. Das ist nicht immer schlimm, aber oft zu unklar.
Besser sind konkrete Texte:
„Termin buchen“
„Produkt in den Warenkorb legen“
„Kontaktformular öffnen“
„Kurs jetzt kaufen“
„PDF herunterladen“
„Angebot anfragen“
Prüfe:
Versteht man den Button auch ohne viel Kontext?
Gibt es mehrere gleiche „Mehr erfahren“-Links auf einer Seite?
Sind Links optisch klar erkennbar?
Sind Buttons nicht nur durch Farbe unterscheidbar?
Gute Buttontexte helfen allen Nutzern. Und sie wirken meistens auch verkaufsstärker.
7. Sind Formulare gut bedienbar?
Formulare sind oft der Punkt, an dem Besucher abspringen. Kontaktformular, Newsletter, Checkout, Login, Buchung, Anfrageformular – überall können Barrieren entstehen.
Prüfe:
Hat jedes Feld eine klare Beschriftung?
Sind Pflichtfelder verständlich markiert?
Sind Fehlermeldungen konkret?
Bleiben eingegebene Daten erhalten, wenn ein Fehler passiert?
Funktioniert das Formular auf dem Smartphone?
Kann man es nur mit der Tastatur ausfüllen?
Sind Checkboxen sauber mit dem Text verbunden?
Nicht hilfreich ist eine Meldung wie: „Fehler beim Absenden.“
Besser ist: „Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.“ Oder: „Bitte wählen Sie einen Termin aus.“
8. Ist der Checkout wirklich verständlich?
Wenn deine Website einen Shop, eine Buchung oder eine Zahlung enthält, ist der Checkout besonders wichtig.
Prüfe den kompletten Ablauf:
Produkt oder Leistung auswählen, Warenkorb, Kundendaten, Versand oder Termin, Zahlung, Bestätigung und E-Mail.
Achte dabei auf:
klare Preise, verständliche Fehlermeldungen, gut erkennbare Pflichtfelder, einfache Zahlungswahl, logische Reihenfolge, eindeutige Bestellbuttons und eine klare Bestätigung nach dem Kauf.
Gerade hier reicht es nicht, wenn die Startseite hübsch ist. Der digitale Abschluss muss funktionieren.
9. Haben Texte genug Kontrast und Lesbarkeit?
Schwache Kontraste sind einer der häufigsten Fehler. Hellgraue Schrift auf weißem Hintergrund sieht vielleicht edel aus, ist aber oft schlecht lesbar.
Prüfe:
Ist Text gut vom Hintergrund zu unterscheiden?
Sind Buttons deutlich erkennbar?
Ist die Schrift groß genug?
Gibt es genug Zeilenabstand?
Sind lange Absätze aufgeteilt?
Wird Text nicht direkt in Bilder eingebaut?
Eine Website darf schön sein. Aber sie muss zuerst lesbar sein.
10. Sind Überschriften sauber aufgebaut?
Überschriften sind nicht nur Design. Sie geben der Seite Struktur.
Prüfe:
Gibt es pro Seite eine klare Hauptüberschrift?
Sind Zwischenüberschriften logisch geordnet?
Werden Überschriften nicht nur wegen der Schriftgröße gewählt?
Kann man den Inhalt beim Überfliegen verstehen?
Eine gute Struktur hilft Menschen, die schnell scannen. Sie hilft aber auch Screenreadern und Suchmaschinen.
11. Haben Bilder sinnvolle Alt-Texte?
Nicht jedes Bild braucht einen langen Alt-Text. Aber wichtige Bilder sollten beschrieben werden.
Prüfe:
Haben informative Bilder einen passenden Alt-Text?
Sind dekorative Bilder nicht unnötig aufgeblasen?
Werden wichtige Informationen nicht nur im Bild angezeigt?
Haben Produktbilder sinnvolle Beschreibungen?
Sind Grafiken, Diagramme oder Infografiken zusätzlich erklärt?
Wenn ein Bild eine echte Information trägt, sollte diese Information auch ohne Bild verständlich sein.
12. Sind Videos und Audio-Inhalte zugänglich?
Videos werden auf Websites immer wichtiger. Vorstellungsvideos, Tutorials, Webinare, Produktvideos oder Kursinhalte können aber Barrieren erzeugen.
Prüfe:
Gibt es Untertitel?
Sind wichtige Inhalte auch ohne Ton verständlich?
Gibt es bei längeren Inhalten eine Textzusammenfassung?
Starten Videos nicht automatisch störend?
Sind Player-Bedienelemente erreichbar?
Untertitel helfen nicht nur Menschen mit Hörbehinderung. Viele schauen Videos unterwegs, im Büro oder ohne Ton.
13. Sind PDFs wirklich nutzbar?
Viele Websites lagern wichtige Informationen in PDFs aus. Preislisten, Anträge, Broschüren, Speisekarten, Formulare, Datenblätter oder AGB.
Prüfe:
Sind wichtige Inhalte auch als normaler Website-Text vorhanden?
Sind PDFs nicht nur eingescannte Bilder?
Haben PDFs eine klare Struktur?
Sind Formulare gut lesbar?
Funktionieren PDFs auch mobil halbwegs sinnvoll?
Wenn eine zentrale Information nur in einem schlechten PDF steckt, ist das selten nutzerfreundlich.
14. Funktioniert die mobile Ansicht?
Viele Nutzer kommen über das Smartphone. Eine Website kann am Desktop ordentlich wirken und mobil trotzdem schwer bedienbar sein.
Prüfe:
Ist das Menü gut nutzbar?
Sind Buttons groß genug?
Überlappen sich Texte oder Elemente?
Sind Formulare bequem ausfüllbar?
Ist der Checkout mobil verständlich?
Sind Cookie-Banner nicht im Weg?
Laden Seiten schnell genug?
Gerade bei Buchungen, Shops und Kontaktformularen ist die mobile Ansicht entscheidend.
15. Sind externe Tools mitgedacht?
Viele Websites nutzen externe Dienste:
Buchungskalender, Zahlungsanbieter, Newsletter-Tools, Chat-Widgets, Cookie-Banner, Bewertungs-Tools, Kursplattformen, Shop-Plugins oder Formulare.
Prüfe:
Sind diese Tools tastaturbedienbar?
Sind Popups verständlich?
Kann man Fehlermeldungen erkennen?
Funktioniert der Ablauf mobil?
Ist die Rückleitung nach Zahlung oder Buchung klar?
Für Nutzer zählt der gesamte Prozess. Es bringt wenig, wenn deine Website gut funktioniert, aber der eingebundene Checkout unbedienbar ist.
16. Gibt es klare Hilfe und Kontaktmöglichkeiten?
Wenn etwas nicht funktioniert, brauchen Nutzer eine einfache Möglichkeit, Hilfe zu bekommen.
Prüfe:
Ist der Kontakt leicht auffindbar?
Gibt es eine E-Mail-Adresse oder ein Formular?
Sind Telefonnummern anklickbar?
Sind Support-Hinweise verständlich?
Gibt es bei Buchung oder Kauf klare Rückmeldungen?
Barrierefreiheit bedeutet auch, Menschen nicht allein zu lassen, wenn sie hängenbleiben.
17. Dokumentierst du deine Prüfung?
Du musst nicht aus jeder kleinen Prüfung ein riesiges Projekt machen. Aber es ist sinnvoll, festzuhalten, was du geprüft hast.
Notiere zum Beispiel:
Welche Seiten wurden geprüft?
Welche Tools wurden genutzt?
Welche Probleme wurden gefunden?
Was wurde bereits verbessert?
Was ist noch offen?
Welche externen Anbieter sind beteiligt?
Diese Dokumentation hilft dir, den Überblick zu behalten. Und sie zeigt, dass du das Thema ernst nimmst.
18. Was solltest du zuerst angehen?
Nicht jede Website lässt sich sofort komplett überarbeiten. Deshalb ist Priorisierung wichtig.
Starte mit den wichtigsten Nutzerwegen:
Kaufen, buchen, Kontakt aufnehmen, anmelden, einloggen, bezahlen, herunterladen.
Danach kommen allgemeine Verbesserungen:
Kontraste, Überschriften, Alt-Texte, mobile Ansicht, PDFs, Video-Untertitel und verständlichere Texte.
Arbeite zuerst an den Stellen, an denen Nutzer wirklich handeln müssen. Genau dort sind Barrieren am teuersten.
Fazit: Eine BFSG-Checkliste ist kein Haken auf Papier
Eine gute BFSG-Checkliste ist nicht nur eine Liste, die man einmal abhakt und dann vergisst. Sie hilft dir, deine Website aus Nutzersicht zu betrachten.
Kann jemand dein Angebot verstehen?
Kann jemand dein Formular bedienen?
Kann jemand dein Produkt kaufen?
Kann jemand deinen Termin buchen?
Kann jemand Hilfe finden, wenn etwas nicht klappt?
Wenn du diese Fragen ehrlich prüfst, bist du schon deutlich weiter als viele andere Webseitenbetreiber.
Mein praktischer Rat: Starte nicht mit Panik und auch nicht mit Schönreden. Starte mit den wichtigsten Prozessen deiner Website. Teste sie ohne Maus, auf dem Smartphone und mit einem kritischen Blick auf Verständlichkeit.
Barrierefreiheit ist nicht nur Pflicht oder Risiko. Sie macht Websites klarer, professioneller und oft auch erfolgreicher.
Dieser Artikel gibt eine allgemeine Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung.