Wer einen Online-Shop betreibt, hat normalerweise schon genug Themen auf dem Tisch: Produkte pflegen, Bestellungen bearbeiten, Retouren, Zahlungsarten, Versand, Rechtstexte, Werbung und Kundenservice. Seit 2025 ist aber ein weiteres Thema dazugekommen, das viele Händler erst einmal verunsichert: digitale Barrierefreiheit.
Gemeint ist damit nicht nur, dass eine Website „irgendwie gut lesbar“ sein sollte. Es geht darum, dass möglichst viele Menschen einen Shop benutzen können – auch dann, wenn sie zum Beispiel keine Maus verwenden, schlecht sehen, einen Screenreader nutzen oder Schwierigkeiten mit komplizierten Formularen haben.
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, kurz BFSG, ist seit dem 28. Juni 2025 für bestimmte Produkte und Dienstleistungen relevant. Bei Online-Shops können vor allem die sogenannten Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr betroffen sein, also digitale Abläufe, über die Verbraucher online einen Kauf oder Vertrag abschließen können.
Warum Online-Shops besonders im Fokus stehen
Ein Online-Shop ist nicht einfach nur eine Website mit schönen Bildern. Er ist ein digitaler Verkaufsprozess. Besucher sollen Produkte finden, auswählen, vergleichen, in den Warenkorb legen, persönliche Daten eingeben, bezahlen und am Ende eine Bestellung abschicken.
Wenn an einer dieser Stellen eine Barriere entsteht, ist das nicht nur ärgerlich. Für manche Menschen bedeutet es, dass sie den Einkauf gar nicht abschließen können.
Ein Beispiel:
Ein Kunde möchte ein Produkt kaufen, kann aber die Farbauswahl nur mit der Maus bedienen. Ein anderer Nutzer kommt mit der Tastatur nicht bis zum „Jetzt kaufen“-Button. Wieder jemand anderes hört sich die Seite mit einem Screenreader an, bekommt aber bei Formularfeldern keine verständlichen Hinweise.
Für den Shopbetreiber sieht vielleicht alles normal aus. Für den betroffenen Nutzer ist der Kaufprozess aber blockiert.
Genau deshalb reicht es nicht, nur die Startseite hübsch zu gestalten. Bei einem Online-Shop muss der gesamte Weg bis zur Bestellung funktionieren.
Betrifft das wirklich auch kleinere Shops?
Viele Shopbetreiber denken zuerst: „Das gilt bestimmt nur für große Plattformen.“ Das ist verständlich, aber zu kurz gedacht.
Entscheidend ist nicht nur die Größe des Shops, sondern welche Funktion er erfüllt. Wenn Verbraucher über den Shop online einkaufen können, befindet man sich schnell im Bereich des elektronischen Geschäftsverkehrs. Die Bundesfachstelle Barrierefreiheit beschreibt Online-Shops ausdrücklich als möglichen Anwendungsfall des BFSG, wenn dort Verbraucherverträge angebahnt oder abgeschlossen werden.
Trotzdem gibt es Ausnahmen. Besonders wichtig ist die Ausnahme für Kleinstunternehmen bei Dienstleistungen. Damit sind in der Regel Unternehmen gemeint, die weniger als zehn Personen beschäftigen und höchstens zwei Millionen Euro Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme haben. Diese Ausnahme sollte man aber nicht blind voraussetzen, sondern immer auf den eigenen Fall beziehen. Die IHK Darmstadt weist zum Beispiel darauf hin, dass Kleinstunternehmen bei Dienstleistungen ausgenommen sein können, während bei Produkten andere Regeln gelten können.
Für Shopbetreiber heißt das: Nicht raten, sondern prüfen. Verkaufe ich an Verbraucher? Gibt es einen echten Bestellprozess? Bin ich ein Kleinstunternehmen? Biete ich nur Dienstleistungen an oder auch Produkte? Genau diese Fragen entscheiden darüber, wie ernst die Pflicht im Einzelfall wird.
Was bedeutet Barrierefreiheit im Shop-Alltag?
Barrierefreiheit klingt oft nach einem großen technischen Spezialthema. In der Praxis beginnt sie aber bei ganz einfachen Dingen.
Kann ein Kunde die Schrift gut lesen?
Sind Buttons eindeutig beschriftet?
Funktioniert der Shop auch ohne Maus?
Sind Fehlermeldungen verständlich?
Kann ein Screenreader erkennen, was auf der Seite passiert?
Ist der Checkout logisch aufgebaut?
Ein Shop kann optisch modern wirken und trotzdem schwer bedienbar sein. Besonders kritisch sind oft Elemente, die im Design schön aussehen, aber technisch schlecht umgesetzt wurden: schicke Dropdowns, Slider, Popups, Produktfilter, Farbauswahlen oder mehrstufige Checkout-Formulare.
Gerade diese Bereiche sollte man sich genauer ansehen.
Die Produktseite: Hier beginnt die Kaufentscheidung
Die Produktseite ist für viele Kunden der wichtigste Punkt im Shop. Hier entscheidet sich, ob ein Produkt interessant ist oder nicht.
Eine gute Produktseite sollte nicht nur optisch überzeugen, sondern klar verständlich sein. Produktname, Preis, Lieferzeit, Varianten, Beschreibung und Kaufbutton müssen schnell erfassbar sein.
Problematisch wird es, wenn wichtige Informationen nur im Bild stehen. Wenn zum Beispiel eine Größentabelle als Bild eingebunden ist, aber keine Textalternative vorhanden ist, können manche Nutzer diese Information nicht erfassen. Auch Produktbilder sollten sinnvoll beschrieben werden, wenn sie wichtige Details zeigen.
Bei Varianten wird es oft besonders schwierig. Farben, Größen, Materialoptionen oder Zusatzleistungen müssen klar auswählbar sein. Es sollte erkennbar sein, welche Variante aktiv ist und ob eine Auswahl fehlt.
Ein Button wie „Auswählen“ ist dabei oft weniger hilfreich als „Größe M auswählen“ oder „Rote Variante auswählen“. Je konkreter die Beschriftung, desto besser.
Navigation, Kategorien und Suche
Ein Shop steht und fällt mit der Orientierung. Wenn Besucher nicht finden, was sie suchen, kaufen sie auch nicht.
Für Barrierefreiheit bedeutet das: Menüs sollten klar benannt und sauber bedienbar sein. Die Navigation darf nicht nur funktionieren, wenn man mit der Maus darüberfährt. Auch Tastaturnutzer müssen durch Kategorien, Untermenüs und Links kommen.
Die Suchfunktion sollte gut sichtbar und verständlich sein. Ein kleines Lupensymbol ohne weitere Beschriftung kann für manche Nutzer zu wenig sein. Besser ist ein Suchfeld, das klar erkennbar macht, was dort eingegeben werden soll.
Auch Filter sind ein häufiger Schwachpunkt. Preisfilter, Größenfilter, Markenfilter oder Farbauswahlen müssen verständlich bedienbar sein. Nutzer sollten jederzeit erkennen können, welche Filter aktiv sind und wie sie diese wieder entfernen.
Warenkorb: Bitte nicht komplizierter machen als nötig
Der Warenkorb wird oft unterschätzt. Dabei ist er ein entscheidender Schritt vor dem Kaufabschluss.
Ein guter Warenkorb zeigt übersichtlich, welche Produkte ausgewählt wurden. Menge, Einzelpreis, Versandkosten, Rabatt und Gesamtsumme sollten klar erkennbar sein. Wenn ein Produkt entfernt oder die Menge geändert wird, muss die Änderung verständlich nachvollziehbar sein.
Auch die Beschriftung von Buttons ist wichtig. „Entfernen“ ist besser als ein kleines X ohne Erklärung. „Zur Kasse gehen“ ist klarer als nur „Weiter“. Solche Kleinigkeiten wirken unspektakulär, machen aber im Alltag einen großen Unterschied.
Gerade Nutzer, die mit Screenreader oder Tastatur arbeiten, brauchen eindeutige Orientierung. Sie müssen verstehen, was im Warenkorb passiert und welcher Schritt als Nächstes kommt.
Der Checkout ist der empfindlichste Bereich
Wenn es einen Bereich gibt, den Shopbetreiber besonders gründlich prüfen sollten, dann ist es der Checkout.
Hier treffen viele Dinge zusammen: persönliche Daten, Versandadresse, Rechnungsadresse, Zahlungsart, Versandart, Gutscheincode, AGB, Datenschutz, Bestellübersicht und Kaufbutton. Schon für viele durchschnittliche Nutzer ist das manchmal anstrengend. Für Menschen mit Einschränkungen können schlecht gemachte Formulare schnell zur unüberwindbaren Hürde werden.
Jedes Eingabefeld sollte eine echte, sichtbare und verständliche Beschriftung haben. Pflichtfelder müssen klar erkennbar sein. Fehlermeldungen sollten nicht nur rot markiert sein, sondern konkret erklären, was fehlt.
Statt nur „Fehler“ sollte dort zum Beispiel stehen:
„Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.“
Auch die Reihenfolge der Felder sollte logisch sein. Niemand möchte im Checkout raten müssen, wo es weitergeht.
Zahlungsarten und externe Dienste
Viele Shops binden externe Zahlungsanbieter ein. Das ist praktisch, kann aber neue Probleme schaffen.
Wenn ein Zahlungsfenster nicht gut bedienbar ist, eine Weiterleitung unklar wirkt oder ein Popup nicht korrekt funktioniert, kann der Kauf an dieser Stelle scheitern. Shopbetreiber haben nicht immer jeden Teil dieses Prozesses vollständig unter Kontrolle, sollten aber trotzdem testen, welche Erfahrung Kunden tatsächlich machen.
Wichtig ist: Der Bestellweg endet nicht beim Klick auf „Zur Zahlung“. Auch die Zahlungsseite, Rückleitung zum Shop und Bestellbestätigung gehören aus Kundensicht zum Einkauf dazu.
Reicht ein Plugin für Barrierefreiheit?
Viele Händler suchen nach einer schnellen Lösung. Ein Plugin installieren, Symbol in die Ecke setzen, fertig. Schön wäre es. In der Realität reicht das meistens nicht.
Ein Plugin kann einzelne Hilfen anbieten. Es kann vielleicht Kontraste verändern, Schriftgrößen anpassen oder eine Bedienleiste einblenden. Aber ein Plugin repariert nicht automatisch einen schlecht aufgebauten Checkout, unklare Formularfelder oder eine Navigation, die mit der Tastatur nicht funktioniert.
Bei WooCommerce, Shopify, Shopware oder anderen Systemen hängt viel vom Theme, von Erweiterungen und von der individuellen Umsetzung ab. Zwei Shops können dasselbe System nutzen und trotzdem völlig unterschiedlich zugänglich sein.
Barrierefreiheit ist deshalb kein einzelnes Extra, sondern Teil der gesamten Shop-Qualität.
Ein einfacher Test für den eigenen Shop
Ein guter erster Test kostet nichts: Versuche, in deinem eigenen Shop eine Bestellung nur mit der Tastatur durchzuführen.
Benutze dafür die Tab-Taste, Enter, Leertaste und Pfeiltasten. Die Maus bleibt weg.
Dabei merkst du schnell, ob wichtige Elemente erreichbar sind. Kommst du ins Menü? Kannst du ein Produkt auswählen? Funktioniert die Suche? Lässt sich eine Variante wählen? Kommst du in den Warenkorb? Kannst du den Checkout ausfüllen?
Wenn du selbst schon hängenbleibst, ist das ein klares Warnsignal.
Zusätzlich kannst du automatische Prüfwerkzeuge nutzen. Sie finden nicht jedes Problem, aber sie zeigen oft typische Fehler: fehlende Beschriftungen, schwache Kontraste, falsche Überschriften oder technische Auszeichnungsprobleme.
Was Shopbetreiber zuerst verbessern sollten
Man muss nicht alles an einem Tag lösen. Sinnvoll ist es, mit den Bereichen anzufangen, die für den Kauf am wichtigsten sind.
Priorität haben aus meiner Sicht:
Produktseiten, Warenkorb, Checkout, Kontaktmöglichkeiten, Navigation, Suche und Fehlermeldungen.
Danach kann man sich weitere Bereiche ansehen: Blog, Ratgeberseiten, Newsletter-Formulare, Kundenkonto, Retourenbereich oder FAQ.
Wichtig ist, nicht nur nach Design zu schauen. Eine Seite kann schön aussehen und trotzdem schlecht nutzbar sein. Umgekehrt muss eine barriereärmere Seite nicht langweilig wirken. Gute Gestaltung und Zugänglichkeit schließen sich nicht aus.
Warum sich der Aufwand lohnen kann
Viele Shopbetreiber sehen beim BFSG zuerst nur zusätzliche Arbeit. Das ist verständlich. Aber Barrierefreiheit kann auch wirtschaftlich sinnvoll sein.
Ein klarer Checkout kann Kaufabbrüche reduzieren. Verständliche Produktseiten können Fragen vermeiden. Gute Kontraste helfen auch mobilen Nutzern. Saubere Struktur unterstützt oft auch SEO. Und ein Shop, der für mehr Menschen bedienbar ist, wirkt professioneller und vertrauenswürdiger.
Barrierefreiheit ist also nicht nur ein rechtliches Thema. Sie kann den Shop insgesamt besser machen.
Fazit: Online-Shops sollten jetzt genauer hinschauen
Für Online-Shops ist das BFSG ein Thema, das man nicht einfach ignorieren sollte. Besonders dann nicht, wenn Verbraucher direkt über den Shop kaufen können.
Es geht dabei nicht nur um ein paar technische Details. Entscheidend ist der komplette Einkaufsweg: vom ersten Klick auf eine Kategorie bis zur Bestellbestätigung.
Shopbetreiber sollten deshalb prüfen, ob ihr Shop verständlich, bedienbar und robust aufgebaut ist. Vor allem Produktseiten, Warenkorb und Checkout verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Mein praktischer Rat: Starte mit einem ehrlichen Selbsttest. Kaufe in deinem eigenen Shop einmal ohne Maus ein. Lies deine Fehlermeldungen kritisch. Prüfe deine Buttons. Schau dir deine Formulare an. Und frage dich bei jedem Schritt: Würde jemand diesen Shop auch dann nutzen können, wenn er anders surft als ich?
Wer so vorgeht, macht seinen Shop nicht nur besser im Sinne des BFSG, sondern auch angenehmer für alle Kunden.
Dieser Artikel gibt eine allgemeine Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung.